... Beckett ...

Peter Staatsmann
MIT BECKETT GEISTESVERWANDT – OLAF BÖHMES KOMÖDIANTISCHE ZIVILISATIONSKRITIK

Dresden liegt an der Elbe und ist von Hügeln umgeben. Man kann sie von vielen Stellen in der Stadt sehen. Sachsen ist nicht Preußen, davon hat schon Heiner Müller ein deutliches Bewusstsein gehabt. August der Starke konvertiert 1697 heimlich zum Katholizismus und wird später König des katholischen Polen. Den Sachsen wird es schonend beigebracht, sie müssen den kulturellen Wechsel schlucken, und es scheint ihnen nicht geschadet zu haben. Das Publikum des Olaf Böhme beweist das. Weder dieses milde, gelassene und fast weise wirkende Publikum noch Olaf Böhme selbst wären im preußischen Berlin denkbar. Der Berliner erzwingt, dass etwas beim Namen genannt wird und dass die Pointe laut und deutlich ist. Damit entgeht ihm oft, was mit dieser Methode gar nicht darstellbar ist.
Anders bei Böhme, der immer schon Beckett aufführte, lange bevor er ihn überhaupt kannte. Der sächsische Kabarettist und Schauspieler spielt ein zartes und überaus leises Theater, das aus einer originären Inspiration entspringt, die unterirdisch von Kafka und ebenso von Beckett ernährt wird. Wenn man glaubt, dass Böhme die Werke dieser Dichter oder anderer Herren, z.B. des Pariser Surrealismus, kennen müsste, um ein Theater aus ihrem Geist zu machen, der täuscht sich. Es gibt offenbar sächsische UnBewusstseinstraditionen, die alles enthalten, was zur Herstellung dieser komischen und unheimlichen Kunst nötig ist. Aus ihnen schöpft Böhme oder besser: Er und sein Theater werden aus ihnen geschöpft.
Die Szenen von Böhme vernichten schon in den ersten zwanzig Minuten alle Gewissheiten, die uns auf dem Weg ins Theater noch ganz und gar unerschütterlich erschienen. Wir werden gleichsam von aller zivilisatorischen Bekleidung befreit und gleiten unmerklich, aber unaufhaltsam in einen Raum fast totaler Naivität. Nichts was vordem galt, ist jetzt noch übrig. Ein leichtes Einsacken in der Magengegend kündet vom Eindringen des surrealen sächsischen Gifts, das uns auf dem Wege einer Einmannshow injiziert wird. Leichter Schwindel und Austrocknen des Mundes machen uns klar, dass die Wirkung dieser theatralischen Dosis nicht mehr umkehrbar ist. Unser Lachen, wie das Lachen aller im Saal Anwesenden, auch der Sachsen, verändert sich und wird zu einer bisher nicht gekannten Äußerung von Angstlust. Jedes Lachen entspringt letztlich der latenten Panik und hält bis heute Verbindung zu uralten Reflexen der Aggression und des Angriffs. Im Allgemeinen zeugt es nicht von Verarbeitung oder Bewusstsein, sondern von deren Gegenteil: der Abwehr und Leugnung. Anders das Lachen, das von Böhme hervorgerufen wird. Es verliert alle aggressiven Brüll- und Beißanteile und wird zu einer dem Spiel sich anschmiegenden Musik. Ebenso zart und sanft wie die Musik der Sätze, Geräusche, Laute und Lautfolgen, fast möchte man sagen Gesänge, die von Olaf Böhme hervorgebracht werden. Diese weichen und glucksenden Gesänge bestehen, wie bei Beckett, vor allem und wie bei jeder geist- und seelenvollen Musik, aus Pausen. Diese, die Stille und die Zärtlichkeit des spielenden Körpers vor uns verursachen inmitten unseres Vergnügens einen langsam drehenden Strudel der Mulmigkeit. Es wird uns mulmig, und wir beginnen an sehr, sehr seltsame Dinge zu denken, ohne dass uns jedoch nur einmal kalt und lieblos zumute würde. Immer bleiben wir in einer warmen und liebevollen Behandlung, auch wenn sie darin besteht, uns bei lebendigem Leibe das Herz in der Brust herumzudrehen. Das hat damit zu tun, dass dieser eigentümliche Barocksurrealismus keine Sekunde die innige Verbindung und Kommunikation zwischen Bühne und Publikum abbrechen lässt. Das Schweigen und das Aussetzen des Sprechens sind eher Momente der wahren Empfindung und niemals kabarettistische Mechanik einer imponieren wollenden Virtuosität. Wie ein naiver Maler wird von Olaf Böhme das Bild ausgeführt ohne falsche Prätention oder Pseudooriginalität. Alles geschieht – wie es geschieht. Dem Respekt vor der Schöpfung, wie er den Szenen inhaltlich innewohnt, entspricht der Prozess der Schöpfung, den wir in actu erleben. Nichts wird aus einer Sicherheit oder gar Routine gemacht, jeder Moment wird neu und ungeschützt gespielt. Wie bei Kindern, die Theater spielen, gibt es hier keine Wiederholung und keine Verstellung. Der Blick von der Bühne in die Augen der Zuschauer ist wach und offen – und wenn man so angeblickt wird, dann bleibt einem nur übrig, genauso zurückzublicken.

[Der Text wurde geschrieben nach Ansicht des Stückes "Der Angler" und erschien 2006 im Programmheft des Beckett-Projektes des Staatsschauspiels Dresden, in welchem ich in "Bruchstück 2" spielte.]